Zum Inhalt springen

Pflegekräfte mit Migrationshintergrund im Team halten: Warum es Mission Babylon gibt

·

Übergabe um 13:45. Die Kollegin aus dem Frühdienst berichtet vollständig und fachlich korrekt, mit hörbarem Akzent. Einer im Raum fragt zweimal nach, obwohl alles gesagt war. Eine andere schaut dabei demonstrativ auf die Uhr. Böse gemeint war vermutlich nichts davon. Trotzdem fährt die Kollegin mit dem Gefühl nach Hause, hier eher geduldet als gewollt zu sein. Die Szene ist ausgedacht, unwahrscheinlich ist sie nicht. Und sie sagt mehr darüber, ob Pflegekräfte mit Migrationshintergrund in einem Betrieb bleiben, als manche Statistik.

Wir sprechen auf dieser Website übrigens lieber von Migrationsgeschichte. Wie groß der Anteil dieser Kolleg*innen in der Altenpflege inzwischen ist, steht in unserem Beitrag über den Namen Mission Babylon und die Pläne des Projekts. Die Frage dahinter ist unbequemer: Was entscheidet darüber, ob jemand bleibt?

Was hält Pflegekräfte im Beruf?

Dass die Pflege Fachkräfte sucht, ist keine Neuigkeit. Weniger bekannt ist, wie viel Arbeitskraft eigentlich schon da wäre. Eine bundesweite Studie, auf die sich unser Projektantrag stützt, hat Pflegekräfte gefragt, unter welchen Bedingungen sie mehr arbeiten oder in den Beruf zurückkehren würden. Fast die Hälfte der Teilzeitkräfte wäre bereit, im Schnitt zehn Stunden pro Woche aufzustocken. Von denen, die in den vergangenen Jahren ganz ausgestiegen sind, können sich mehr als 60 Prozent eine Rückkehr mit 30 Wochenstunden vorstellen. Zusammen ergäbe das mindestens 300.000 zusätzliche Vollzeitkräfte.

Allerdings nur, wenn sich die Arbeitsbedingungen entscheidend verbessern. Am höchsten bewerteten die Befragten zwei Bedingungen, die mit dem Miteinander im Team zu tun haben: einen fairen Umgang unter Kolleg*innen und Vorgesetzte, die wertschätzend und respektvoll sind.

Fehlt der faire Umgang, sprechen Fachleute von horizontaler Feindseligkeit. Gemeint sind offene oder subtile Anfeindungen unter Kolleg*innen auf derselben Ebene, oft aus Stress, Frust und Überforderung heraus, wie sie in Mangelberufen typisch sind. Die Folgen reichen von Motivationsverlust und Selbstzweifeln bis zu längeren Krankheitszeiten, sinkender Produktivität und mehr Fehlern. Wo ein inklusives Arbeitsumfeld fehlt, sind weibliche Pflegekräfte mit Migrationsgeschichte dem besonders stark ausgesetzt.

Was brauchen Pflegekräfte mit Migrationshintergrund, um zu bleiben?

Wer aus einem anderen Land in die deutsche Pflege kommt, bringt Fachwissen mit. Was trotzdem fehlen kann, steht in keinem Zeugnis:

  • Sprache, auch die vom Stationsflur: Abkürzungen, Übergabe-Deutsch, der richtige Ton am Telefon mit Angehörigen
  • Vertrautheit mit dem deutschen Gesundheitssystem und mit einer Arbeitskultur, die selten jemand erklärt
  • Sicherheit im Umgang mit Pflegebedürftigen und im Team
  • Rückhalt, wenn die Arbeit emotional belastet oder wenn Diskriminierung ins Spiel kommt

Bei Frauen kommt häufig mehreres zusammen. Geschlecht, Herkunft, Religion, manchmal eine Fluchtgeschichte: Fachleute sprechen dann von Mehrfachdiskriminierung.

Und dann gibt es einen Konflikt, über den in vielen Teams kaum gesprochen wird. Zugewanderte und in Deutschland ausgebildete Kolleg*innen haben nicht selten ein unterschiedliches Bild davon, was Pflege umfasst, was eine Fachkraft können muss und was man von ihr erwarten darf. Bleiben diese Unterschiede unausgesprochen, entstehen Reibereien. Sie zermürben beide Seiten und stellen am Ende infrage, ob die neuen Kolleg*innen im Betrieb bleiben.

Wir finden: Sprache darf kein Grund sein, gute Pflegekräfte zu verlieren. Ein Akzent in der Übergabe ist kein Qualitätsproblem. Ein Team, das über so etwas nicht reden kann, schon eher.

Für Betriebe ist das auch eine nüchterne Rechnung. Jede Kollegin, die nach einem Jahr wieder geht, hinterlässt eine Lücke im Dienstplan und eine Einarbeitung, die sich nicht mehr auszahlt. Wer Fachkräfte gewinnen will, muss sie auch halten können.

Warum setzt Mission Babylon an zwei Stellen gleichzeitig an?

Man könnte es sich leicht machen und nur die zugewanderten Kolleginnen schulen. Mehr Fachsprache, mehr Grammatik, fertig. Das greift zu kurz. Ein Team wird nicht fairer, nur weil eine Person darin besser formuliert. Fairness entsteht dort, wo Leitung, Anleitung und Kolleg*innen gemeinsam hinschauen.

Mission Babylon arbeitet deshalb mit den Betrieben selbst. Geplant ist das Projekt mit Pflegebetrieben, kleinen wie großen. Am Anfang stehen Gespräche vor Ort, in denen wir mit Leitung, Interessenvertretung und Pflegekräften herausfinden, wo es im Alltag hakt. Besonders wichtig sind die Praxisanleiter*innen. An sie wenden sich neue Kolleg*innen meist zuerst, und sie prägen das Klima im Team stärker als jedes Leitbild. Ausgerechnet ihnen fehlen aber oft die Zeit und die passende Qualifizierung für die Arbeit in so vielfältigen Teams. Für sie und für Führungskräfte gibt es deshalb eigene berufspädagogische Weiterbildungen.

Auf der anderen Seite stehen weibliche Pflegekräfte mit Migrationsgeschichte, die das Projekt über mehrere Monate begleitet: mit Empowerment-Workshops, Schulungen und moderierten Dialoggruppen. KI kommt als Werkzeug für beide Gruppen dazu, jeweils mit eigenem Schwerpunkt. Welche Formate es gibt und wann sie starten, steht auf der Seite Angebote von Mission Babylon.

Damit nach zwei Jahren nicht alles wieder verschwindet, gibt es die Arbeitsgruppe Babylon. Dort tauschen sich Vertreter*innen der Betriebe, Sozial- und Netzwerkpartner und die Lots*innen aus den Häusern über gute Praxis aus. Mit ver.di und dem Pflegerat NRW sitzen Gewerkschaft und Pflegeberufsverbände mit am Tisch, dazu weitere Kooperationspartner aus der Region.

Sie tragen Verantwortung in einer Pflegeeinrichtung und haben die Übergabe vom Anfang schon einmal so ähnlich erlebt? Dann lassen Sie uns reden, am einfachsten über unser Kontaktformular. Wer im Team vorab etwas ausprobieren möchte: Mit dem Babylon Sprachcoach lassen sich Übergaben und schwierige Gespräche in Ruhe üben, ohne Publikum und ohne Zeitdruck.


Quellen

Weiterlesen

Mehr zum Thema

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert